Mau­ri­ti­us war lan­ge ein Ort der Skla­ve­rei — heu­te ist davon nicht mehr viel zu sehen. Längst hat der Tou­ris­mus auf der Insel Ein­zug gehal­ten. Der sagen­um­wo­be­ne Berg Le Mor­ne, einst Zufluchts­stät­te für vie­le Skla­ven, ist einer der letz­ten Orte, der an die Geschich­te der Aus­beu­tung erin­nert und zu dem uns Ant­je All­rog­gen in ihrem Arti­kel mit nimmt.

Zufluchts­ort mit Zau­ber­kraft
Ein Fel­sen auf Mau­ri­ti­us erzählt die Geschich­te der Skla­ven­zeit

Von Ant­je All­rog­gen

Eine Auto­fahrt in den Süden der Insel. Nur am Ende der Stre­cke führt die Stra­ße direkt an der Küs­te ent­lang, ganz dicht an der Halb­in­sel Le Mor­ne vor­bei. Von hier aus zeigt sich der 556 Meter hohe Berg in sei­ner gan­zen majes­tä­ti­schen Schroff­heit: Sei­ne Schau­sei­te wen­det sich dem Lan­des­in­ne­ren zu, sei­ne Rück­sei­te weist aufs Meer. Bei­de Ele­men­te ver­bin­den sich und ver­schwin­den gemein­sam im unend­li­chen Nichts des Indi­schen Oze­ans.

Um den Mor­ne und die Halb­in­sel, auf der er steht, ran­ken sich bizar­re Geschich­ten — Siran­das. In kreo­li­scher Spra­che berich­ten sie von dunk­len Dämo­nen, die auf dem Mor­ne gegen klei­ne Engel kämp­fen, am Ende dem Guten erlie­gen und in die Tie­fen des Mee­res geris­sen wer­den.

Die Siran­das oder auch erzähl­te Rät­sel sind Teil unse­rer erzähl­ten Lite­ra­tur. Was den Mor­ne anbe­trifft, wis­sen wir von vie­len Mythen und Legen­den, die sich um die­sen Berg oder sei­ne Umge­bung ran­ken. In den Geschich­ten ist von vie­len Per­so­nen die Rede: von hel­den­haf­ten Figu­ren oder auch von Skla­ven, die immer wie­der in den unter­schied­lichs­ten Ver­sio­nen in den Siran­das auf­tau­chen. Abends wird zum Bei­spiel ger­ne die Geschich­te erzählt, dass sich am Fuße des Ber­ges alte ket­ten­ras­seln­de Schä­del und auch Kno­chen befin­den. Auch Skla­ven tau­chen in die­sen Geschich­ten immer wie­der auf,”

sagt Sophie Le Char­tier, die auf Mau­ri­ti­us als selbst­stän­di­ge Anthro­po­lo­gin arbei­tet, und erin­nert an die berühm­tes­te Geschich­te, die dem Berg bis heu­te die Bezeich­nung “Skla­ven­berg” ein­brach­te:

Es mag um das Jahr 1810 gewe­sen sein. Eigent­lich war im Zuge der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on auch auf der Île de Fran­ce die Skla­ve­rei abge­schafft. Doch die Metro­po­le war weit weg, und die Kolo­ni­al­her­ren muss­ten ihre Plan­ta­gen bestel­len. Vie­le Skla­ven blie­ben, eini­ge weni­ge flüch­te­ten und fan­den als Zufluchts­stät­te den Berg Le Mor­ne. Damals noch eng bewal­det, grün­de­ten sie am Fuße des Ber­ges klei­ne Sied­lun­gen oder ver­steck­ten sich in Höh­len oder Grot­ten. Als die Eng­län­der Mau­ri­ti­us beherrsch­ten und sie die Skla­ve­rei sogar ver­bo­ten hat­ten, schick­ten die neu­en Kolo­ni­al­her­ren der Insel Poli­zis­ten in die Regi­on. Sie soll­ten den Skla­ven die gute Nach­richt brin­gen, dass sie end­lich frei sei­en. Die Skla­ven jedoch fürch­te­ten erneut die Fes­seln ihrer gera­de erst gewon­ne­nen Frei­heit und stürz­ten sich vor Ver­zweif­lung von den Klip­pen des Ber­ges in den Tod.

Eine Tra­gik, die sich bis heu­te fest in die kreo­li­sche Kul­tur der Insel ein­ge­mei­ßelt hat und Stoff für vie­le wei­te­re Legen­den war:

Die­se Geschich­ten sind alle in der Zeit der Skla­ven­be­frei­ung ent­stan­den. Es gibt Siran­das, die von dem Klip­pen-Sturz der Skla­ven berich­ten. Ande­re Geschich­ten wie­der­um sagen, dass die Skla­ven ein jun­ges Mäd­chen eines eng­li­schen Kolo­ni­al­her­ren gekid­nappt haben, als die Sol­da­ten am Mor­ne anrück­ten.”

Wenn es zumin­dest wahr ist, dass sich vie­le Skla­ven vom Berg Le Mor­ne her­ab­stürz­ten, ist die­ser Vor­fall in die­sem Jahr etwas mehr als 200 Jah­re her. All­jähr­lich erin­nern sich die Mau­ri­tier am 1. Febru­ar an die­sen Tag. Vie­le pil­gern dann zum Le Mor­ne und tan­zen Sega — die Musik, die die Skla­ven nach Mau­ri­ti­us brach­ten und die von der katho­li­schen Kir­che lan­ge ver­bo­ten wor­den war, weil sie als sit­ten­wid­rig galt. Danach besu­chen sie die klei­ne Gedenk­stät­te am Fuße des Ber­ges, die heu­te noch an die glück­lo­sen Skla­ven erin­nert.

Seit­dem die UNESCO Le Mor­ne im Jahr 2008 als Kul­tur­land­schaft in die Lis­te des Welt­kul­tur­er­bes auf­ge­nom­men hat, hat sich die Erin­ne­rung an die Skla­ven­zeit tie­fer in das Bewusst­sein vie­ler Mau­ri­tier ein­ge­schrie­ben. Denn hier, im Süd­wes­ten der Insel, leb­ten die meis­ten von ihnen. Robi Ver­lop­pe, ein jun­ger Mann, weiß erst seit Kur­zem um sei­ne Wur­zeln. Er wohnt in Le Mor­ne, dem Dörf­chen, das am Fuße des Ber­ges liegt. Mit­hil­fe der UNESCO hat er gelernt, die Ravan­ne zu spie­len. Eine Trom­mel, in etwa so groß wie ein Tam­bu­rin, die in der ursprüng­li­chen Sega-Musik auf Mau­ri­ti­us gespielt wur­de. Ver­mut­lich haben die Skla­ven die Ravan­ne aus Afri­ka mit auf die Insel gebracht. In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten war sie auf Mau­ri­ti­us in Ver­ges­sen­heit gera­ten.

Die Ravan­ne erzählt von frü­her. Alle unse­re Vor­fah­ren spiel­ten auf ihr. Ich stam­me unmit­tel­bar von den Skla­ven ab, und es ist eine Ehre für mich, die Ravan­ne zu spie­len. Viel hat sich seit­her geän­dert. Der Mor­ne ist Welt­kul­tur­er­be gewor­den, dar­auf bin ich stolz. Seit­dem ich klein bin, spielt die gan­ze Fami­lie auf der Ravan­ne.”

Abaim” nennt sich die klei­ne Musik­grup­pe, die die Sega ganz vom tou­ris­ti­schen Kitsch befreit und zu ihren musi­ka­li­schen Ursprün­gen wie­der zurück­führt.

Auch Janan­ne ist in Le Mor­ne auf­ge­wach­sen. Ihre Vor­fah­ren arbei­te­ten als Skla­ven auf den Zucker­rohr-Plan­ta­gen der wohl­ha­ben­den wei­ßen Fran­ko-Mau­ri­tier. Im kom­men­den Jahr wird sie 60. Das Leben hat sie gezeich­net und lässt sie viel älter erschei­nen, als sie ist. Ihre wei­ßen Zäh­ne fun­keln wie klei­ne wei­ße Koral­len­mu­scheln in der hel­len Son­ne — auch als Janna­ne anfängt, in kreo­li­scher Spra­che von den Mühen des All­tags einer typi­schen Fami­lie aus Le Mor­ne zu erzäh­len:

Frü­her gab es hier sehr vie­le Leu­te ohne Arbeit. Man angel­te sich einen klei­nen Fisch im Meer. Manch­mal gab es auch Pro­ble­me mit der Poli­zei, manch­mal fand man Arbeit in einem Hotel, aber um dort arbei­ten zu dür­fen, braucht man eine Geneh­mi­gung, ein Zer­ti­fi­kat. Ich bin nicht zur Schu­le gegan­gen, kann nicht lesen. Es war hart. Wir leb­ten in Armut. Alle Frau­en haben hart gear­bei­tet. Sie haben Holz gehackt oder in den Zucker­rohr­fel­dern gear­bei­tet. Manch­mal zer­stör­ten die gro­ßen Regen­fäl­le unse­re klei­nen Häu­ser. In denen gab es oft nur Matrat­zen aus Stroh. So wie in die­ser Hüt­te hier. Dar­auf muss­te man dann schla­fen.”

Vor Kur­zem leb­te Janna­ne all das noch ein­mal durch. Um sie her­um stan­den plötz­lich wie­der die Stroh­hüt­ten, aus Pal­men­blät­tern und Zucker­rohr gefloch­ten, in denen sie noch gelebt hat, als sie eine jun­ge Fami­lie hat­te. Gemein­sam mit ande­ren Frau­en stampft sie nun fri­sche Kaf­fee­boh­nen in einem gro­ßen Mör­ser.

“Das sind die Kaf­fee­boh­nen, die wir mit dem Mör­ser zer­stamp­fen. Es gibt immer noch guten Kaf­fee auf Mau­ri­ti­us, wie damals. Den Kaf­fee aus Cha­ma­rel. Die Boh­nen wer­den in der Son­ne getrock­net. Heu­te wird der Kaf­fee für die teu­ren Hotels, für die Geschäfts­welt her­ge­stellt. Wir kön­nen ihn uns nicht leis­ten, er ist zu teu­er. Es ist einer der bes­ten Kaf­fees und riecht so gut!”

Janan­ne trägt ein adret­tes blau-weiß karier­tes Kleid und um ihr Haar einen roten Tur­ban. So sah die Arbeits­klei­dung für die Skla­ven und die Leih­ar­bei­ter aus, die für die mehr als wohl­ha­ben­den Plan­ta­gen­be­sit­zer arbei­te­ten. Und auch heu­te noch trägt das Per­so­nal, das sich vie­le auf Mau­ri­ti­us immer noch leis­ten, eine ganz ähn­li­che Uni­form. Zum ers­ten Mal in der Muse­ums­ge­schich­te von Mau­ri­ti­us hat­te man das ursprüng­li­che Skla­ven­dorf Trou Che­n­il­le natur­ge­treu rekon­stru­iert, um Tou­ris­ten, aber auch Ein­hei­mi­sche an die Lebens­be­din­gun­gen der ers­ten Ein­wan­de­rer auf Mau­ri­ti­us zu erin­nern. Das ori­gi­na­le Dorf — angeb­lich das ers­te, in dem die Skla­ven einst sie­del­ten — liegt an der süd­li­chen Sei­te vom Berg Le Mor­ne. Tei­le die­ses Dor­fes gibt es noch. Sogar ein alter Skla­ven­fried­hof ist noch vor­han­den. Bei einer archäo­lo­gi­schen Aus­gra­bung fand man neben aller­lei Ske­let­ten auch Per­len­knöp­fe, Mün­zen und etli­che Pfei­fen. Sowohl der Fried­hof als auch Trou Che­n­il­le blei­ben für die Öffent­lich­keit jedoch ver­sperrt. Das Gelän­de befin­det sich in Pri­vat­be­sitz einer fran­ko-mau­ri­ti­schen Fami­lie. Tou­ris­ten kön­nen den Berg nur ein­ge­schränkt bestei­gen, erzählt Sophie Le Char­tier:

Es gibt einen Weg auf den Le Mor­ne hin­auf, das ist aller­dings nicht der ori­gi­na­le Weg, der an Trou Che­n­il­le her­bei­führt. Zu mei­ner Kind­heit konn­te man den Berg noch auf dem ande­ren Weg bestei­gen, ich erin­ne­re mich noch an Fotos. Aber was ist von all dem heu­te übrig geblie­ben? Ich kann es Ihnen nicht sagen, ich habe nie Zugang zu Trou Che­n­il­le bekom­men. Es wäre gut, wenn man das Dorf wie­der ori­gi­nal­ge­treu auf­bau­en könn­te, es ist ein his­to­ri­sches Dorf, das ers­te, das es am Le Mor­ne gab. Hof­fen wir, dass es eines Tages pas­sie­ren wird.”

Nicht nur Archäo­lo­gen und Eth­no­lo­gen, auch die UNESCO fühlt sich in ihrer Arbeit rund um die Kul­tur­land­schaft von Le Mor­ne blo­ckiert. Man hört davon, dass es am Küs­ten­ab­schnitt von Trou Che­n­il­le Pro­ble­me mit der Ero­si­on geben soll — Genaue­res weiß man nicht. Auch Flo­ra und Fau­na haben sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten erheb­lich ver­än­dert. Hotels sind in unmit­tel­ba­rer Nähe des noch immer ärm­li­chen Dörf­chens ent­stan­den, freie Flä­chen muss­ten wei­chen.

Einst fan­den die Skla­ven vie­le Heil­pflan­zen am Fuße des Ber­ges, mit denen sie die Natur­me­di­zin, die sie aus ihren Hei­mat­län­dern kann­ten, auch hier auf Mau­ri­ti­us wei­ter­hin prak­ti­zier­ten. Noch leben in Le Mor­ne und in den benach­bar­ten Dör­fern eini­ge älte­re Leu­te, die davon über­zeugt sind, dass sie nur mit­hil­fe die­ser Medi­zin noch am Leben sind. Die einst mys­ti­sche Gegend um den Skla­ven­berg hat an Zau­ber­kraft ver­lo­ren. Schön ist sie immer noch.

Immer­hin plant man auf Mau­ri­ti­us ein Muse­um, das an die Zeit der Skla­ven auf dem Archi­pel erin­nern soll. An die­sem Tag wird die­ser Teil der Insel­ge­schich­te sehr leben­dig: Kin­der aus einer nahe­lie­gen­den Schu­le sind zum Le Mor­ne gekom­men, sie sin­gen in his­to­ri­schen Hän­ger­kleid­chen zu alten Abzähl­rei­men. Frau­en tan­zen Sega in gewag­ten bauch­frei­en Klei­dern, ein Mann flicht Kör­be aus Pal­men­blät­ter­we­deln. Ein Muse­um zum Angu­cken, Anfas­sen und Anhö­ren. Doch nach weni­gen Tagen schon wer­den die Schau­ta­feln wie­der ein­ge­packt und die Hüt­ten abge­baut. Män­ner, Frau­en und Kin­der haben die karier­te Klei­dung wie­der abge­legt. Nun sit­zen sie am Strand, fan­gen sich einen Fisch und träu­men wei­ter­hin von einem para­die­si­schen Leben im Süden von Mau­ri­ti­us.

Über die Autorin:

Ant­je All­roggen hat an den Uni­ver­sitäten Bonn und Nan­cy (Frankre­ich) Kun­st­geschichte, Philoso­phie und Kom­para­tis­tik stu­diert. Seit dem Jahr 2000 arbei­tet sie als Kul­tur– und Reise­jour­nal­istin für diver­se ARD-Hör­funk­an­stal­ten, vor allem für den Deutsch­land­funk. Jour­nal­is­tis­che Stipen­dien führ­ten sie unter ande­rem nach Marok­ko und an die Duke Uni­ver­sity in North Car­olina / USA. Mit ihrem Mann und ihren bei­den Töch­tern (zwei und acht Jah­re) lebt sie für ein Jahr in Grand Baie/ Mau­ri­tius. Vie­len Dank an Frau All­roggen und den Deutsch­land­funk, die uns erlau­ben, die großar­ti­gen Geschich­ten und Bei­träge für unse­re Leser zu ver­öf­fent­li­chen!