Kaum ein Ver­kehrs­mit­tel sieht man so häu­fig auf Mau­ri­ti­us wie den Bus. Und das Schö­ne dar­an ist: Mit lau­tem Getö­se brum­men sie über die Stra­ßen und sind fast immer prall gefüllt mit Fahr­gäs­ten, die mit ihnen zur Arbeit fah­ren, zum Strand, zur Schu­le oder zum Ein­kau­fen in die Metro­po­le. Ant­je All­rog­gen nahm den Bus und dank ihres wun­der­ba­ren Berichts sit­zen wir selbst mit dar­in.

Mit dem Bus vor­bei an Zie­gen, Küken, Locken­wick­ler
Von Ant­je All­rog­gen

Mit wenig Gepäck haben wir unse­re klei­ne Blei­be in der Rue des Lau­ri­ers in Poin­te aux Can­no­niers im Nor­den von Mau­ri­ti­us ver­las­sen. Es ist noch früh, ein freund­li­cher und war­mer Sonn­tag­mor­gen. Die Son­ne hat die Stra­ße schon längst in ein fröh­lich-bun­tes Licht getaucht: Die roten und oran­ge­nen Blü­ten der Bou­gain­villea leuch­ten hin­ter grau­en Mau­ern aus Lava­ge­stein her­vor, zwei Geckos huschen über den war­men Asphalt.

Als wir die Bus­hal­te­stel­le an der Rou­te Roya­le von Poin­te aux Can­no­niers erreicht haben, macht ein Bus, die Per­le du Nord, abrupt vor uns Halt. Die Tür geht knar­rend auf, eini­ge Fahr­gäs­te stei­gen aus, ande­re ein. Nur nach weni­gen Sekun­den fährt der Wagen kra­chend wie­der los. Wir haben auf den roten Sit­zen Platz genom­men und suchen Halt an den klei­nen Grif­fen des Vor­der­sit­zes, um nicht schon in der ers­ten Kur­ve in den Flur des Bus­ses geschleu­dert zu wer­den. Ein Kon­trol­leur teilt sich die Arbeit mit dem Fah­rer. Über sei­nem Bauch bau­melt eine klei­ne Kas­se, die mit Wech­sel­geld gefüllt ist und gleich­zei­tig das Ticket für die Rei­se aus­druckt.

Eigent­lich woll­ten wir zunächst einen Abste­cher nach Crè­ve Coeur unter­neh­men. Ein win­zi­ger Ort, süd­öst­lich von Port Lou­is, der klei­nen Haupt­stadt der Insel, gele­gen. Ein­mal waren wir durch Crè­ve Coeur mit dem Taxi gefah­ren. Bei offe­nem Fens­ter sahen wir klei­ne Plan­ta­gen­fel­der an uns vor­bei­zie­hen: Ana­nas­früch­te wuch­sen, zum Grei­fen nah, an den lan­gen grü­nen Hoch­blät­tern der Pflan­ze. All­zu schnell war damals unser Taxi durch die­sen Ort hin­durch gehuscht. Wir woll­ten ihn wie­der­se­hen, mit dem Bus.

- “Pour aller à Crè­ve Coeur.”
— “Crè­ve Coeur? C´est ou ca? C´est beau­coup loin, so far! No, I think you have to go the­re and take the bus.”
— “The other way?”
— “Oui.”

Zunächst fah­ren wir bis nach Port Lou­is. Dort befin­det sich der Gare du Nord, einer der größ­ten und wich­tigs­ten Bus­bahn­hö­fe der Insel. Von dort, so sag­te uns der Kon­trol­leur, gäbe es eine Umstei­ge­mög­lich­keit, um nach Crè­ve Coeur zu gelan­gen.

— “De Crè­ve Coeur, on peut aller à Cent­re Flacq?”
— “Non, non.”
— “Non? Il faut retour­ner à Terre Rouge…et puis prend­re un aut­re bus.”
— “Mer­ci.”

Schon nach den ers­ten gefah­re­nen Metern im Bus begrei­fen wir: Der Bus­fahr­plan, den wir im Inter­net gefun­den haben, besteht nur rein for­mal. Auf der Stra­ße ver­liert er sei­ne Gül­tig­keit. Nur die Bus­fah­rer ken­nen Anschlüs­se, Wege und Zie­le. An der Ost­küs­te haben wir ein ein­fa­ches Gäs­te­haus reser­viert, das wir am spä­ten Nach­mit­tag vor Ein­bruch der Dun­kel­heit errei­chen wol­len. Unser geplan­ter Umweg über Crè­ve Coeur erscheint uns plötz­lich als zu gewagt. Was, wenn wir kei­nen recht­zei­ti­gen Bus zurück aus den Ber­gen bekom­men? Kur­zer­hand dis­po­nie­ren wir um und stei­gen in den nächs­ten Bus nach Cent­re Flacq.

Cent­re Flacq? Vous savez le numé­ro? Oui. Mer­ci.”

Es ist das ers­te Mal, dass wir Mau­ri­ti­us aus die­ser Per­spek­ti­ve sehen. Eine Per­spek­ti­ve, die es uns zum ers­ten Mal ermög­licht, einen Blick hin­ter die Mau­ern zu wer­fen, die fast jedes Haus auf Mau­ri­ti­us vor all­zu neu­gie­ri­gen Bli­cken schüt­zen. Wir ent­de­cken klei­ne Zie­gen und Küken, Pago­den und Frau­en, die auf Bam­bus­stüh­len Platz genom­men haben. In den Hän­den eine Ziga­ret­te, in den Haa­ren bun­te Locken­wick­ler. Sel­ten erscheint uns Mau­ri­ti­us so authen­tisch wie auf die­ser Rei­se mit dem Bus. Dann sind wir in Cent­re Flacq ange­kom­men. Der Bus hält an, der Motor geht aus. Pau­se. Der nächs­te Bus nach Palmar, unse­rer End­sta­ti­on, fährt erst in einer hal­ben Stun­de.

Dann stei­gen wir in den drit­ten Bus, der uns zu unse­rem klei­nen Hotel nach Palmar brin­gen soll. Eine indi­sche Hoch­zeits­ge­sell­schaft steigt zu den Fahr­gäs­ten hin­zu. Jun­ge Frau­en in bunt schim­mern­den Saris, Män­ner in blü­ten­wei­ßen leuch­ten­den Hem­den. Als wir sie auf Fran­zö­sisch anspre­chen, ver­ste­hen sie nichts. Sie reden noch nicht ein­mal Kreo­lisch. Eine Fahrt ins Inners­te der Insel, dem Indi­en näher zu sein scheint als der euro­päi­sche Kon­ti­nent.

Am Strand von Palmar hält der Bus wie­der an. Der Motor geht aus, die Tür geht auf, alle gehen raus. Woll­te der Bus­fah­rer uns nicht Bescheid geben, wann wir aus­stei­gen müs­sen? Per Anhal­ter ste­hen wir nun am Stra­ßen­rand, irgend­wo im stets win­di­gen Osten und hal­ten Aus­schau nach einem Taxi. Es ist spä­ter Nach­mit­tag, all­mäh­lich soll­te man nun sei­ne Her­ber­ge errei­chen, wenn man nicht von der plötz­lich ein­fal­len­den Nacht über­rascht wer­den will. End­lich hält ein Taxi­fah­rer an. Als Tou­rist auf Mau­ri­ti­us den Bus zu neh­men, sei wirk­lich eine ver­rück­te Idee, sagt er. Ohne Taxis sei man hier ver­lo­ren.

Als wir end­lich unser Guest House erreicht haben, fragt ein Ange­stell­ter des Hau­ses nach unse­rem Gepäck. Kof­fer? Sagt unser Taxi­fah­rer, haben die­se Herr­schaf­ten nicht. Sie sind aus purer Aben­teu­er­lust hier. Für unse­ren Rück­weg in unser Urlaubs­quar­tier bie­tet er uns eine Fahrt in sei­nem Taxi zum Son­der­ta­rif an. Wir zögern nur kurz – und neh­men den Bus.

Über die Autorin:

Ant­je All­roggen hat an den Uni­ver­sitäten Bonn und Nan­cy (Frankre­ich) Kun­st­geschichte, Philoso­phie und Kom­para­tis­tik stu­diert. Seit dem Jahr 2000 arbei­tet sie als Kul­tur– und Reise­jour­nal­istin für diver­se ARD-Hör­funk­an­stal­ten, vor allem für den Deutsch­land­funk. Jour­nal­is­tis­che Stipen­dien führ­ten sie unter ande­rem nach Marok­ko und an die Duke Uni­ver­sity in North Car­olina / USA. Mit ihrem Mann und ihren bei­den Töch­tern (zwei und acht Jah­re) lebt sie in Grand Baie/ Mau­ri­tius. Vie­len Dank an Frau All­roggen und den Deutsch­land­funk, die uns erlau­ben, die großar­ti­gen Geschich­ten und Bei­träge für unse­re Leser zu ver­öf­fent­li­chen!