Seit 2009 enga­giert sich Mar­tin Wett­ges als Musik­di­rek­tor der Oper Mau­ri­ti­us erfolg­reich für die Wie­der­be­le­bung der dor­ti­gen Opern­tra­di­ti­on. Wir wer­fen gemein­sam mit Ihm einen Blick auf die Büh­ne und hin­ter den Vor­hang des tra­di­ti­ons­träch­ti­gen Hau­ses und freu­en uns über das sehr per­sön­li­che und aus­führ­li­che Inter­view.

” Der Traum von Oper in Mau­ri­ti­us” — Inter­view mit Mar­tin Wett­ges, Musik­di­rek­tor der Oper Mau­ri­ti­us

Herr Wett­ges, bei mei­nen Recher­chen zu Ihnen bin ich auf einen jun­gen Mann gesto­ßen, der gleich­zei­tig an den ver­schie­dens­ten Orten der Welt zu sein scheint, diri­giert und unter­rich­tet, längst ver­ges­se­ne Musik wie­der­be­lebt, Opern insze­niert… Wo sind Sie gera­de und wel­cher Auf­ga­be gehen Sie nach?

Der Kon­trast zum tro­pi­schen Mau­ri­ti­us könn­te gar nicht grö­ßer sein: Sie erwi­schen mich gera­de in einer der käl­tes­ten Gegen­den Deutsch­lands, im ober­frän­ki­schen Coburg, das im Moment unter einem hal­ben Meter Schnee ächzt. Zusam­men mit den her­vor­ra­gen­den hie­si­gen Phil­har­mo­ni­kern ver­su­chen wir im Moment am Lan­des­thea­ter, das Eis mit Bizets „Per­len­fi­schern“ zum Schmel­zen zu brin­gen. Für mich eine wun­der­ba­re Wie­der­be­geg­nung mit die­sem völ­lig unter­schätz­ten Stück, nach mei­ner ers­ten Pro­duk­ti­on in Mau­ri­ti­us vor ein­ein­halb Jah­ren.

Gestat­ten Sie, dass wir unser Gespräch auf die Oper Mau­ri­ti­us fokus­sie­ren. Mit Ver­laub, nicht jeder unse­rer Lese­rin­nen und Leser bringt Mau­ri­ti­us unmit­tel­bar und ernst­haft mit Oper in Ver­bin­dung, bit­te klä­ren Sie uns auf — wie passt das zusam­men?

Tat­säch­lich kann Mau­ri­ti­us auf eine über zwei­hun­dert­jäh­ri­ge Opern­tra­di­ti­on zurück­bli­cken. Ende des 18. Jahr­hun­derts war die „Ile-de-Fran­ce“ ein Teil des opern­be­geis­ter­ten Frank­reichs. Und trotz des Umzugs von Paris mit­ten in den Indi­schen Oze­an woll­te man natür­lich nicht auf Musik­thea­ter ver­zich­ten. So wur­den 1790 die ers­ten comé­dies musi­ca­les auf­ge­führt, zunächst noch auf pro­vi­so­ri­schen Büh­nen. 1822 konn­te man end­lich das Thea­ter von Port-Lou­is eröff­nen – heu­te das ältes­te Opern­haus der Süd­halb­ku­gel. Im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts zog es immer häu­fi­ger pro­mi­nen­te euro­päi­sche Künst­ler und Pari­ser Ensem­bles auf die Insel. Teil­wei­se wur­den inner­halb einer Sai­son um die zwan­zig ver­schie­de­ne Opern gezeigt – dar­un­ter äußerst auf­wen­di­ge Wer­ke wie die Grand-Opé­ras von Mey­er­beer, die Aida, sogar der Tann­häu­ser. Am belieb­tes­ten aller­dings waren, wenn man sich alte Spiel­plä­ne ansieht, ope­ret­tes, comé­dies musi­ca­les und opé­ras comi­ques: Heu­te lei­der fast ver­ges­se­ne Wer­ke von Adam, Auber, Boiel­dieu, Hérold, Offen­bach, Tho­mas…
1933 eröff­ne­te das zwei­te, grö­ße­re Opern­haus, das „Thé­ât­re du Pla­za“ in Rose­hill, wo nach dem Zwei­ten Welt­krieg noch die gro­ße Joan Suther­land auf der Büh­ne stand. Danach ging es mit der klas­si­schen Musik auf Mau­ri­ti­us berg­ab und es fan­den jahr­zehn­te­lang kei­ne Opern­auf­füh­run­gen mehr statt.

Mit wel­chen Vor­stel­lun­gen und Erwar­tun­gen began­nen Sie 2009 Ihr Enga­ge­ment als Musik­di­rek­tor der Oper Mau­ri­ti­us und wie kam es über­haupt dazu?

Ich habe als Diri­gent am Staats­thea­ter am Gärt­ner­platz in Mün­chen gear­bei­tet und dort die Sopra­nis­tin Kat­rin Wei­her ken­nen gelernt, die es der Lie­be wegen vor eini­gen Jah­ren nach Mau­ri­ti­us ver­schlug. Kat­rin war schon in Mün­chen nicht nur eine wun­der­ba­re Kol­le­gin, son­dern auch eine ganz lie­be Freun­din von mir.
Sie hat mich irgend­wann aus Mau­ri­ti­us ange­ru­fen, mir von der gro­ßen Bedeu­tung erzählt, wel­che, die die Oper in Mau­ri­ti­us einst hat­te und mich mit Paul Olsen, dem Prä­si­dent der „Fon­da­ti­on Specta­cles et Cul­tu­re“, einer gemein­nüt­zi­gen mau­ri­tia­ni­schen Kul­tur­stif­tung zusam­men­ge­bracht.
Paul und Kat­rin luden mich nach Mau­ri­ti­us ein: gemein­sam hat­ten wir die Visi­on, die his­to­ri­sche mau­ri­tia­ni­sche Opern­tra­di­ti­on wie­der­zu­be­le­ben und Ope­ra Mau­ri­ti­us zu der Insti­tu­ti­on zu machen, die sie vor 100 Jah­ren war.
Für einen Außen­ste­hen­den ist es, glau­be ich, fast unmög­lich nach­zu­voll­zie­hen, was für einen unglaub­li­chen logis­ti­schen Auf­wand Oper als kom­ple­xes­te aller Kunst­for­men bedeu­tet. Anfangs, das muss ich ganz ehr­lich sagen, wuss­te ich über­haupt nicht, wo wir anfan­gen soll­ten: An einem deut­schen Stadt­thea­ter arbei­tet sich ja ein Räder­werk bestehend aus meh­re­ren hun­dert hoch­spe­zia­li­sier­ten Mit­ar­bei­tern gegen­sei­tig zu. In Mau­ri­ti­us muss­ten wir alles buch­stäb­lich aus dem Nichts auf­bau­en.
Kat­rin Wei­her, die als Frau eines mau­ri­tia­ni­schen Archi­tek­ten nun Kat­rin Cai­ne heißt, hat eine schier über­mensch­li­che Arbeit damit geleis­tet, inner­halb von drei Jah­ren aus etwa 60 wahn­sin­nig ambi­tio­nier­ten, aber musi­ka­lisch völ­lig unaus­ge­bil­de­ten Ama­teu­ren, die zu Beginn kei­ne Note lesen konn­ten, einen Opern­chor zu for­men, der es heu­te, was Klang­ge­walt und Expres­si­vi­tät betrifft, mit vie­len pro­fes­sio­nel­len Staats­thea­ter­chö­ren auf­neh­men kann.
Sie dür­fen nicht ver­ges­sen, daß, mit Aus­nah­me von ein paar Solis­ten und mei­ner Wenig­keit kaum einer der fast 200 Mit­ar­bei­ter vor, auf und hin­ter der Büh­ne von Ope­ra Mau­ri­ti­us je zuvor live eine Oper gese­hen, geschwei­ge denn selbst auf­ge­führt hat.
Bis zu dem Moment, in dem sich im Sep­tem­ber 2009 der Vor­hang für unse­re „Pêcheurs de per­les“ zum ers­ten Mal hob, konn­te ich selbst kaum glau­ben, daß unser Traum von Oper in Mau­ri­ti­us jemals Wirk­lich­keit wer­den wür­de.

Unter­schei­det sich Oper auf Mau­ri­ti­us von der in Mün­chen oder Kap­stadt?

Letz­te Sai­son hat­ten wir den Kri­ti­ker­papst Jür­gen Kes­ting, der unse­re Pre­mie­re für die wich­tigs­te deut­sche Opern­zeit­schrift, die „Opern­welt“, bespro­chen hat, in Mau­ri­ti­us zu Besuch. Er mein­te, er wüss­te in Euro­pa allen­falls eine hand­voll Opern­kom­pa­nien, die auf unse­rem künst­le­ri­schen Niveau die „Per­len­fi­scher“ auf die Büh­ne brin­gen könn­ten.
Sicher, unse­re drei oder vier Haupt­dar­stel­ler kom­men nur von aller­ers­ten Häu­sern und sin­gen auch an der Opé­ra de Paris, an der Sca­la oder an der Baye­ri­schen und der Wie­ner Staats­oper.
Was aber für mich viel wich­ti­ger ist, ist, daß alle ande­ren Betei­lig­ten Ama­teu­re, Dilet­tan­ten im aller­bes­ten Wort­sin­ne sind: „Ama­teur“ kommt von „ama­re“, lie­ben. Und „dilet­t­a­re“ heißt im Ita­lie­ni­schen „sich erfreu­en“. Jeder in unse­rem Team brennt für die gemein­sa­me Sache. Sie kön­nen sich nicht vor­stel­len, was für eine Freu­de es ist, vom Orches­ter­gra­ben in die strah­len­den Augen und begeis­ter­ten Gesich­ter der feu­ri­gen mau­ri­tia­ni­schen Sän­ger, Tän­zer und Schau­spie­ler zu schau­en. Unser Regis­seur Père Gérard Sul­li­van ist eigent­lich katho­li­scher Pries­ter – und viel­leicht gera­de des­we­gen ein Mann mit einem frap­pan­ten Gespür für Thea­tra­lik. Ein ech­tes Büh­nen­tier! Auf Mau­ri­ti­us macht er schon seit vie­len Jahr­zehn­ten Thea­ter. Jean-Michel Ring­a­doo, der gera­de in „Car­men“ bra­vou­rös den Dan­cai­ro gesun­gen hat, arbei­tet tags­über 9 Stun­den als Infor­ma­ti­ker für eine Com­pu­ter­fir­ma in Quat­re Bor­nes. Abends steht er auf der Büh­ne. Am nächs­ten Mor­gen ist er um 5 wie­der auf den Bei­nen.
Nach jeder Vor­stel­lung dau­ert es Ewig­kei­ten, bis ich mich durch den Büh­nen­aus­gang kämp­fen kann, weil mir unzäh­li­ge wild­frem­de Men­schen um den Hals fal­len und mir sagen, daß der Abend gera­de das schöns­te war, was sie bis­her erlebt haben.
Die­se Mischung aus Lei­den­schaft, Nai­vi­tät in der vor­nehms­ten Bedeu­tung des Wor­tes, Far­big­keit, Begeis­te­rung und Musik in aller­höchs­ter Per­fek­ti­on, das ist ech­te Créo­li­té. Das gibt es nur in Mau­ri­ti­us und nir­gends sonst.

Bis­lang wur­den „Die Per­len­fi­scher“ und „Car­men“ von Bizet auf­ge­führt, für 2011 ist „La Tra­via­ta“ von Ver­di geplant – nach wel­chen Kri­te­ri­en wer­den die Stü­cke aus­ge­wählt, wie gestal­tet sich die Insze­nie­rung?

In Hin­blick auf die wech­sel­haf­te kolo­nia­le Geschich­te von Mau­ri­ti­us ist es mir ganz wich­tig, daß Ope­ra Mau­ri­ti­us zunächst als Oper von Mau­ri­tia­nern für Mau­ri­tia­ner wahr­ge­nom­men wird. Unser Publi­kum ist so bunt wie Mau­ri­ti­us: quer durch alle Eth­ni­en, Reli­gio­nen, Alters­klas­sen und Bil­dungs­schich­ten gibt es da glück­li­cher­wei­se kei­ne Hemm­schwel­len.
Die Tra­di­ti­on der fran­zö­si­schen Oper auf Mau­ri­ti­us fort­zu­füh­ren, war mich auch ein Anlie­gen, um sprach­li­che Bar­rie­ren zu ver­mei­den. „La Tra­via­ta“ 2011 auf ita­lie­nisch wird ein etwas gewag­tes Expe­ri­ment – obwohl es natür­lich Über­ti­tel geben wird.
Alle drei Wer­ke haben eine lan­ge Auf­füh­rungs­tra­di­ti­on auf der Insel. Car­men wur­de schon 1885 zum ers­ten Mal gespielt – 10 Jah­re nach der Urauf­füh­rung in Paris. „La Tra­via­ta“ erlebt 2011 ihre fünf­te mau­ri­tia­ni­sche Pro­duk­ti­on – nach 1877, 1890, 1894 und 1898.
„La Tra­via­ta“ ist Ver­dis fran­zö­sischs­te Oper – und auch künf­tig wird der Schwer­punkt auf fran­zö­si­schem Reper­toire lie­gen, auf kraft­vol­len, far­bi­gen, expres­si­ven und exo­ti­schen Stü­cken.
Die Insze­nie­rung von „La Tra­via­ta“ wird erst­ma­lig kei­ne rein mau­ri­tia­ni­sche Pro­duk­ti­on, son­dern eine Zusam­men­ar­beit mit der Oper Kap­stadt. Die Pre­mie­re dort ist nur ein paar Wochen frü­her. Unser Regis­seur, Ales­san­dro Tale­vi, ist Süd­afri­ka­ner und lebt in Lon­don. Ich habe ihn ori­gi­nel­ler­wei­se vor ein paar Jah­ren an der Oper in Graz in Öster­reich ken­nen gelernt.

Bit­te stel­len Sie uns Ihr Team und Ihr Ensem­ble etwas genau­er vor, wer steht auf der Büh­ne, wer wirkt dahin­ter?

Zum Kern­team, das ich vor­her schon beschrie­ben habe, ist letz­te Sai­son der ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur­ma­na­ger Tho­mas Ryan Rho­des getre­ten, der künf­tig als Mana­ger Ope­ra Mau­ri­ti­us als Unter­neh­men wei­ter­ent­wi­ckeln und hof­fent­lich auch erfolg­reich für den euro­päi­schen Tou­ris­mus­markt öff­nen wird. Nur so sind wir lang­fris­tig finan­zi­ell über­le­bens­fä­hig. Momen­tan gäbe es uns ja nicht ohne die gewal­ti­gen Zuschüs­se der gemein­nüt­zi­gen „Fon­da­ti­on Specta­cles et Cul­tu­re“ — trotz fast 20.000 ver­kauf­ter Kar­ten in zwei kur­zen Sai­sons und aus­ver­kauf­ten Vor­stel­lun­gen.
Inso­fern fehlt im Team noch ein leis­tungs­fä­hi­ger Ver­triebs­part­ner für die Märk­te in Euro­pa und Asi­en.
An der Sei­te unse­res Regis­seurs Gérard Sul­li­van war 2010 Ange­la Brandt eine rie­si­ge Hil­fe – sie ist Spiel­lei­te­rin an der Dresd­ner Sem­per­oper.
Davon abge­se­hen sind unse­re zeit­wei­se bis zu 200 Mit­ar­bei­ter alle Mau­ri­tia­ner.
Mau­ri­ti­us ist ein so musi­ka­li­sches Land! Alle bedeu­ten­den mau­ri­tia­ni­sche Künst­ler muss­ten in den letz­ten Jahr­zehn­ten die Insel ver­las­sen, weil es kei­ne Beschäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten gab. Ich den­ke da an Hen­ry Wil­den, Danièl­le Halb­wachs, Nat­acha Finet­te-Con­stan­tin oder Véro­ni­que Zuel-Bun­ga­roo, die an den größ­ten Büh­nen der Welt auf­tre­ten, aber bis­her kei­ne Chan­ce hat­ten, sich dem Publi­kum ihres Hei­mat­lan­des zu prä­sen­tie­ren. Soweit als mög­lich, ver­su­chen wir, die­se renom­mier­ten Leu­te zurück­zu­ho­len.
Aus unse­rem Opern­chor, der vor ein paar Jah­ren bei Null ange­fan­gen hat, haben sich in ganz kur­zer Zeit Leu­te mit erstaun­li­chen solis­ti­schen Qua­li­tä­ten her­vor­ge­tan.
Für „Car­men“ hat Kat­rin Cai­ne in nur weni­gen Mona­ten einen rich­tig guten Kin­der­chor auf­ge­baut – das ist unser Solis­ten­en­sem­ble von mor­gen!
Im Rah­men von Meis­ter­klas­sen und Kur­sen laden wir regel­mä­ßig Gesangs­do­zen­ten aus Euro­pa ein, die unse­re mau­ri­tia­ni­schen Nach­wuchs­sän­ger unter­rich­ten. 2010 haben Vik­to­ri­ja Kamins­kai­te von der Oper Leip­zig und Prof. Rita Hirner-Lill von der Münch­ner Musik­hoch­schu­le jeweils für eini­ge Wochen mit unse­ren Leu­ten gear­bei­tet. Momen­tan suchen wir hän­de­rin­gend Gesangs­leh­rer, die dau­er­haft auf Mau­ri­ti­us blei­ben kön­nen – es gibt ja in den Schu­len bis­her kei­nen Musik­un­ter­richt, kei­ne qua­li­fi­zier­ten Leh­rer und erst recht kein Musik­schul­sys­tem wie bei uns in Deutsch­land.
Die Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jah­re sind trotz­dem rich­tig über­wäl­ti­gend. 2009 waren drei Vier­tel des Solis­ten­en­sem­bles inter­na­tio­na­le Gäs­te. 2011 wer­den wir 9 von 12 Solo­par­tien mit Mau­ri­tia­nern beset­zen kön­nen, die im Rah­men der Nach­wuchs­ar­beit von Ope­ra Mau­ri­ti­us zur Musik kamen!

Noch wer­den die Stü­cke im Con­ven­ti­on Cen­ter Phoe­nix auf­ge­führt. Ihr Traum ist es, dass tra­di­ti­ons­träch­ti­ge Opern­haus in Port Lou­is zu bespie­len. Wie steht es um die Plä­ne für die Restau­rie­rung?

Das J&J‑Auditorium in Phoe­nix ist ein nagel­neu­er Thea­ter­saal mit 2000 Sitz­plät­zen, den wir die­sen Som­mer mit der Car­men eröff­net haben. Ein Orches­ter­gra­ben wur­de eigens für Ope­ra Mau­ri­ti­us nach­träg­lich ein­ge­plant, obwohl der Roh­bau schon stand. Trotz­dem ist das Haus nicht ide­al für uns: abge­se­hen von der ver­bes­se­rungs­be­dürf­ti­gen Akus­tik sind die Sei­ten­büh­nen zu klein. Schnür­bo­den oder Unter­büh­ne exis­tie­ren nicht. Daher sind auf­wen­di­ge Umbau­ten und wech­seln­de Büh­nen­bil­der prak­tisch unmög­lich.
Lei­der sind bei­de his­to­ri­schen Opern­häu­ser heu­te in einem ganz erbärm­li­chen Zustand – und nicht nur sie, son­dern vie­le Bau­wer­ke des 18. und 19. Jahr­hun­derts. Das für Mau­ri­ti­us auch archi­tek­tur­ge­schicht­lich unschätz­ba­re Thea­ter von Port-Lou­is ist kurz davor, zusam­men­zu­fal­len. In den letz­ten Jah­ren wur­de nur das Aller­nö­tigs­te getan, um einen völ­li­gen Kol­laps zu ver­mei­den.
In Port-Lou­is hat man vor eini­gen Jah­ren absur­der­wei­se den Orches­ter­gra­ben und die Unter­büh­ne mit Beton auf­ge­füllt, um dem Gebäu­de kurz­fris­tig Sta­bi­li­tät zu geben – und so die Akus­tik natür­lich völ­lig zer­stört. Es geht also nicht nur um eine ober­fläch­li­che Restau­rie­rung son­dern um eine tief­grei­fen­de Wie­der­her­stel­lung – und die wird sehr viel Geld kos­ten.
Das euro­päi­sche Erbe wird zwie­späl­tig wahr­ge­nom­men. Das ist ver­ständ­lich – den­ken Sie an die Skla­ve­rei, die bis 1835 Bestand hat­te! Aber die ältes­te mensch­li­che Kul­tur auf Mau­ri­ti­us ist nun ein­mal die euro­päi­sche – mit allen ihren posi­ti­ven und nega­ti­ven Facet­ten. Und ein Bewusst­sein für die­sen his­to­ri­schen Wert als sol­chen schien mir bis­lang kaum aus­ge­prägt. Ich mer­ke aber, daß nicht zuletzt unse­re Arbeit von Ope­ra Mau­ri­ti­us zu einem Umden­ken geführt hat – und sei es nur, weil das tou­ris­ti­sche Inter­es­se zuneh­mend eine Rol­le spielt:
Die Regie­rung hat mitt­ler­wei­le einen Mas­ter­plan zur Sanie­rung des Thea­ters in Port-Lou­is vor­ge­legt und ein loka­les Archi­tek­ten­team beauf­tragt. Der Bür­ger­meis­ter von Port-Lou­is hat mich scherz­haft zum Bot­schaf­ter sei­nes Thea­ters ernannt und in Aus­sicht gestellt, jeden Euro an aus­län­di­schen Spen­den­gel­dern zum Wie­der­auf­bau zu ver­dop­peln. Auch in Rose­hill kom­men die Din­ge in Bewe­gung. Der Wil­le ist auf ein Mal da – das freut mich unend­lich!

Sie sind ein Freund zeit­ge­nös­si­scher Musik und sehr enga­giert in Ver­ges­sen­heit gera­te­ne Musi­ker und Kom­po­si­tio­nen neu zu inter­pre­tie­ren. Recher­chie­ren Sie dies­be­züg­lich auch auf Mau­ri­ti­us? Auf wel­che musi­ka­li­sche Tra­di­ti­on kann die Insel neben der Oper ver­wei­sen?

Ach, da gäbe es noch so vie­le Schät­ze zu heben. Das Thea­ter in Port-Lou­is wur­de 1822 mit „Mai­son à vend­re“, einer komi­schen Oper von Dalay­rac eröff­net; ein damals auch in Deutsch­land und Frank­reich unglaub­lich popu­lä­rer Kom­po­nist mit Auf­füh­rungs­zah­len, die man heut­zu­ta­ge nur mit den Musi­cals von Andrew Lloyd Web­ber ver­glei­chen könn­te. „Mai­son à vend­re“ war ein Ren­ner, wur­de aber seit dem 19. Jahr­hun­dert bis heu­te nie mehr auf­ge­führt – weder in Mau­ri­ti­us noch sonst­wo. In der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek in Mün­chen habe ich einen Kla­vier­aus­zug gefun­den und – was für eine Über­ra­schung – hier in der Lan­des­bi­blio­thek in Coburg die Par­ti­tur und die Orches­ter­stim­men. Alles nur hand­schrift­lich, natür­lich. Alles uner­setz­li­che Uni­ka­te. Wuss­ten Sie übri­gens, daß der Schutz­hei­li­ge von Coburg der St. Mau­ri­ti­us ist…?

Ich habe an ande­rer Stel­le gele­sen, dass Sie gut 3 Mona­te im Jahr auf Mau­ri­ti­us leben. Stellt sich dann bei Ihnen so etwas wie ein Insel­all­tag ein? Wie sieht der aus?

Naja, auf 3 Mona­te kom­me ich bes­ten­falls in der Sum­me zahl­rei­cher kür­ze­rer Auf­ent­hal­te. Ich wür­de ger­ne mehr Zeit dort ver­brin­gen, Auf­bau­ar­beit leis­ten, ein Jugend­or­ches­ter grün­den, unter­rich­ten… Aber für nichts davon habe ich Zeit – dafür gibt es ein­fach zuvie­le Enga­ge­ments in Euro­pa und Ame­ri­ka.
In der Struk­tur schaut ein Tag in Mau­ri­ti­us für mich genau­so aus wie ein Tag in Schwe­den oder Peru: Pro­ben­vor­be­rei­tung ab 8.00, Vor­mit­tags­pro­be von 10.00 bis 14.00 Uhr, nach­mit­tags aller­lei Orga­ni­sa­ti­ons­kram, Inter­views etc., von 18.00 bis 22.00 Uhr Abend­pro­be oder Vor­stel­lung. Danach Mails beant­wor­ten oder das nächs­te Pro­jekt pla­nen. Irgend­wo dazwi­schen soll­te im Ide­al­fall auch noch das Aus­wen­dig­ler­nen von neu­en Par­ti­tu­ren Platz fin­den. Das tue ich in Mau­ri­ti­us aller­dings am liebs­ten am Strand!

Unbe­stä­tig­ten Gerüch­ten zu Fol­ge sind Sie ein begeis­ter­ter Koch und Freund der Bota­nik – auch dies­be­züg­lich hat Mau­ri­ti­us ja eini­ges zu bie­ten…

Ja!! Mit mei­nen mau­ri­tia­ni­schen Freun­den tau­sche ich Koch­re­zep­te aus. Über Sky­pe erzäh­le ich dann von mei­nem Fisch­cur­ry in Mün­chen, wäh­rend in Mau­ri­ti­us die Sem­mel­knö­del schmo­ren.
Mein frü­he­res bota­ni­sches Haupt­for­schungs­the­ma, die Pas­si­flor­aceae, spie­len in Mau­ri­ti­us zwar nur als inva­si­ve Acke­runkräu­ter eine Rol­le, aber auch die ende­mi­schen Gewäch­se sind ein fas­zi­nie­ren­des The­ma. Haben Sie mal eine Tro­che­tia bou­to­nia­na gese­hen? Lei­der genau­so bedroht wie die Opern­tra­di­ti­on…

Was sind Ihre Lieb­lings­plät­ze auf der Insel? Wo trifft man Sie, wenn Sie nicht in der Oper sind?

Ich bin gera­de dabei, der Rei­he nach alle Gip­fel von Mau­ri­ti­us zu erklet­tern. Das mei­ne ich wört­lich! Ich kann gar nicht ver­ste­hen, war­um beim Stich­wort Mau­ri­ti­us alle immer nur ans Tau­chen den­ken. Auf dem Gip­fel vom Lion Moun­tain könn­te ich stun­den­lang dem Segel­flug des Pail­le-en-queue, des sel­te­nen Wap­pen­vo­gels von Air Mau­ri­ti­us zuse­hen.
Oder der Blick vom Piton de la Peti­te Riviè­re Noi­re über den Natio­nal­park mit sei­nen Schluch­ten und Was­ser­fäl­len! Da brauch­te ich aller­dings vie­le Anläu­fe bis ich den Weg gefun­den habe…

Was wün­schen Sie Mau­ri­ti­us für die nächs­te Zeit?

In Bay­reuth muss 2013 die Kar­ten-War­te­lis­te abge­schafft wer­den, weil das Fest­spiel­pu­bli­kum nur mehr nach Mau­ri­ti­us pil­gert.

Vie­len Dank für das Gespräch!