Der Dodo gehört zu Mau­ri­ti­us wie der Indi­sche Oze­an, die Sega oder auch der Rum. Über­all begeg­net man ihm auf der Insel — obwohl er längst aus­ge­stor­ben ist. Und noch immer sind die For­scher damit beschäf­tigt, die Kno­chen des Vogels wis­sen­schaft­lich zu begut­ach­ten, wie Ant­je All­ro­gen zu berich­ten weiß.

Der Dodo und der Insel­staat Mau­ri­ti­us
Ein aus­ge­stor­be­ner Vogel als Wap­pen­tier
Von Ant­je All­rog­gen

Und dann hab ich das Vogel­nest gefun­den. Es war kein nor­ma­les Nest, es war ein rich­ti­ges Vogel­haus. Und da war auch ein Ei drin, ein klei­nes wei­ßes Ei, ein paar Zen­ti­me­ter, aber wun­der­schön, als wär da wei­ßer Lack drauf­ge­stri­chen wor­den.”

Sagt Freya. Vor Kur­zem hat sie auf unse­rem Rasen ein Vogel­nest ent­deckt. Und dar­in lag tat­säch­lich ein Vogel­ei. Klei­ner als ein Hüh­ner­ei mit einer fes­ten wei­ßen Scha­le. Wir hoben das Nest auf, häng­ten es in die klei­ne Pal­me, die in unse­rem Gar­ten steht, und frag­ten uns, wel­chem Vogel die­ses Nest wohl gehört.

Viel­leicht schlüpft aus dem Ei ja ein Dodo raus!”

Der Dodo ist ein Vogel, den es lan­ge Zeit nur auf Mau­ri­ti­us gab, der aber schon seit mehr als 300 Jah­ren aus­ge­stor­ben ist. Er war wohl nicht so hübsch wie die ande­ren bun­ten Vögel, die noch immer auf der Insel leben: Sein Fell soll ziem­lich verstrub­belt und grau gewe­sen sein, und er hat­te einen lan­gen schwar­zen Schna­bel.

Der Feder­schmuck der Häh­ne ist gräu­lich und braun, die Füße glei­chen denen des Trut­hahns, und das glei­che gilt auch für den Schna­bel, der jedoch etwas mehr gebo­gen ist. Sie haben fast kei­nen Schwanz, und ihr mit Federn bedeck­tes Hin­ter­teil ist gerun­det wie die Len­de eines Pfer­des. Sie sind von höhe­rem Wuchs als Trut­häh­ne und haben einen gera­den Hals. (…) Man fin­det Häh­ne, die bis zu 45 Kilo wie­gen. Die Hen­ne ist wun­der­schön, und es gibt sowohl blon­de als auch dunk­le.”

Ein Aus­zug aus der letz­ten über­lie­fer­ten Beschrei­bung, die es von der wei­ßen Dron­te, einem engen Ver­wand­ten des Dodos, gibt. Ver­fasst wur­de sie von Fran­cois Léguat, der eini­ge Jah­re auf der Nach­bar­in­sel Rodri­gues gelebt hat.))

Ein plum­per, grau­er Vogel also, der nicht flie­gen konn­te — und doch lie­ben die Mau­ri­tier ihren Dodo.
Wir wol­len mehr über die­sen komi­schen Vogel wis­sen und fah­ren nach Port Lou­is, der Haupt­stadt von Mau­ri­ti­us. Mit­ten im Stra­ßen­ge­wirr liegt das Muse­um für Natur­kun­de. Ein schö­ner alter Bau mit Säu­len und einem klei­nen Park, in dem sich bun­te Dodos aus Papp­ma­ché befin­den.

Hier sind wir mit Mon­sieur Ravi ver­ab­re­det. Er arbei­tet schon seit vie­len Jah­ren im Muse­um. Einem wah­ren Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett an Exo­tik. Ein ver­schla­fe­ner Muse­ums­wär­ter weist uns lust­los den Weg. In Uni­form — Jacke und Müt­ze sind etwas durch sein Nicker­chen ver­rutscht — wacht er über die klei­nen zusam­men­ge­tra­ge­nen Trou­vail­len der Insel. Ein­tritt ist nicht zu zah­len — alles, was an die Geschich­te von Mau­ri­ti­us erin­nert, ist für sei­ne Ein­woh­ner frei zugäng­lich.

Das Haus, in dem sich das 1842 gegrün­de­te Muse­um befin­det, ist eine gut erhal­te­ne Kolo­ni­al-Vil­la. Bevor wir zur Dodo-Aus­stel­lung des Hau­ses gelan­gen, sind drei Räu­me zu durch­que­ren, in denen ein aus­ge­stopf­ter Hai von der Decke bau­melt, ein­ge­leg­te Tin­ten­fi­sche und Blind­schlei­chen aus Glä­sern blit­zen und eine 70 Kilo­gramm schwe­re Mons­ter­mu­schel zu bestau­nen ist.

In die­sen Räu­men sind fast alle Expo­na­te noch lehr­meis­ter­haft in Vitri­nen aus­ge­stellt, wie man es in Euro­pa eigent­lich nur noch aus ver­staub­ten Uni­ver­si­täts­mu­se­en kennt. Im Dodo­raum indes arbei­tet man durch­aus mit moder­nen Prä­sen­ta­ti­ons­tech­ni­ken. Mög­lich wur­de das durch die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung der nie­der­län­di­schen Regie­rung. Die Hol­län­der füh­len sich, so scheint es, ver­ant­wort­lich dafür, die Dodo­for­schung vor­an­zu­trei­ben — nicht nur im eige­nen Land, auch auf Mau­ri­ti­us. Über Video­vor­füh­run­gen, Kno­chen­prä­sen­ta­tio­nen und Dodo-Brief­mar­ken­samm­lun­gen thront ein dicker, drol­li­ger Vogel, der in etwa so groß wie ein Fer­kel ist. Eine nicht gera­de wis­sen­schaft­lich kor­rek­te Nach­ah­mung des Dodos.

“So könn­te der Dodo also aus­ge­se­hen haben. Frü­her glaub­te man, dass der Vogel 50 Kilo schwer gewe­sen wäre. (…) Nach den neu­es­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen aber war der Dodo leich­ter, er wog nicht mehr als 20, 22 Kilo.”

Der Dodo sah also nicht wirk­lich wie die­ser nach­ge­mach­te Vogel aus. Noch nicht ein­mal die Federn, die die­ses Aus­stel­lungs­ex­em­plar trägt, sind echt. Man hat ein­fach Hüh­ner­fe­dern genom­men und den Vogel auch dicker gemacht, als er eigent­lich war.

Erst als der bri­ti­sche Schrift­stel­ler Lewis Car­roll den Dodo in sei­nem legen­dä­ren Kin­der­buch Ali­ce im Wun­der­land auf­tau­chen ließ, wur­de man über­all auf der Welt auf ihn auf­merk­sam. Zu die­ser Zeit war der Vogel aller­dings schon fast seit 100 Jah­ren aus­ge­stor­ben.

Als er noch auf Mau­ri­ti­us her­um­spa­zier­te, muss es auf der Insel ein wenig wie im Wun­der­land aus­ge­se­hen haben: Es gab Eben­holz­wäl­der, Maha­go­ni- und Teak­bäu­me. Ganz Mau­ri­ti­us bestand aus einem ver­wor­re­nen Dickicht mit Lia­nen, Far­nen, Lili­en und Orchi­de­en. Men­schen gab es dort nicht.

Erst spä­ter wur­de die Insel von den Hol­län­dern ent­deckt, und damit fin­gen dann die Pro­ble­me für den Dodo an.

Und heu­te fin­det man kei­ne Dodo-Eier mehr?”

ça fait trop long­temps.”

Nein, die Dodo-Eier sind alle aus Mau­ri­ti­us ver­schwun­den, sagt Mon­sieur Ravi. Dann ver­ab­schie­det er sich von uns. Und gibt uns einen Tipp: Ganz im Süden von Mau­ri­ti­us lie­ge eine klei­ne Insel, die Île aux Aigret­tes. Dort gebe es noch Tie­re, die eigent­lich lan­ge aus­ge­stor­ben sei­en und nur noch hier über­lebt haben. Schild­krö­ten, Fle­der­mäu­se, Rie­sen-Legua­ne. Einen Dodo habe man aber auch hier noch nicht gesich­tet.

Mit einem klei­nen Schiff set­zen wir auf die unbe­wohn­te klei­ne Koral­len-Insel über. Auch eine Schul­klas­se fährt mit. Man darf die Île aux Aigret­tes nicht auf eige­ne Faust besu­chen. Des­halb beglei­tet uns Dia­ne. Sie ist Bio­lo­gin und arbei­tet für die Mau­ri­ti­us Wild­life Foun­da­ti­on, eine Natur­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on.

On encou­ra­ge la reproduction…les bébés.”

Wir tun alles dafür, dass die Pflan­zen, die auf Mau­ri­ti­us ein­mal zuhau­se waren, zumin­dest hier wie­der wach­sen kön­nen. Inzwi­schen haben wir schon vie­le klei­ne Baby­pflan­zen nach­ge­züch­tet,”

Erklärt Dia­ne der Schul­klas­se und uns. Tat­säch­lich gibt es hier viel mehr Bäu­me als auf Mau­ri­ti­us. Und es gibt rie­sen­gro­ße Schild­krö­ten.

Die Schild­krö­ten hel­fen dabei, das Öko­sys­tem auf der Île aux Aigret­tes zu sta­bi­li­sie­ren, sagt Dia­ne. Denn wenn die Schild­krö­ten eine bestimm­te ende­mi­sche Pflan­ze fres­sen, und den Rest dann wie­der aus­schei­den, befin­det sich in ihrem Kot Samen des wert­vol­len Eben­holz­bau­mes, den die Hol­län­der auf Mau­ri­ti­us aus­ge­rot­tet hat­ten. Mit Hil­fe der Schild­krö­ten wächst er nun also wie­der — zumin­dest hier, auf der Île aux Aigret­tes.

Und wir sehen einen Gecko, mit ganz vie­len ver­schie­de­nen Far­ben, grün, rot, einen Baum hoch­klet­tern. Ein Rie­sen-Legu­an! Und er hat über­haupt kei­ne Angst vor uns!”

Als wir mit dem klei­nen Motor­boot zurück aufs Fest­land fah­ren, ist die Stim­mung an Bord aus­ge­las­sen.

Ein Dodo-Ei haben wir natür­lich nicht gefun­den. Dafür ist der Vogel ein­fach schon zu lan­ge tot. Bis­her konn­ten For­scher sei­ne DNA auch noch nicht kom­plett ent­schlüs­seln.

Uns bleibt also nur, es wie Ali­ce zu machen und vom Dodo zu träu­men.

Das Vogel­nest in unse­rem Gar­ten ist übri­gens nicht leer geblie­ben. Ein ech­ter Vogel ist zwar nicht geschlüpft. Nun hat dar­in ein klei­ner Dodo aus Plüsch ein neu­es Zuhau­se gefun­den.

Über die Autorin:

Ant­je All­roggen hat an den Uni­ver­sitäten Bonn und Nan­cy (Frankre­ich) Kun­st­geschichte, Philoso­phie und Kom­para­tis­tik stu­diert. Seit dem Jahr 2000 arbei­tet sie als Kul­tur– und Reise­jour­nal­istin für diver­se ARD-Hör­funk­an­stal­ten, vor allem für den Deutsch­land­funk. Jour­nal­is­tis­che Stipen­dien führ­ten sie unter ande­rem nach Marok­ko und an die Duke Uni­ver­sity in North Car­olina / USA. Mit ihrem Mann und ihren bei­den Töch­tern (zwei und acht Jah­re) lebt sie für ein Jahr in Grand Baie/ Mau­ri­tius. Vie­len Dank an Frau All­roggen und den Deutsch­land­funk, die uns erlau­ben, die großar­ti­gen Geschich­ten und Bei­träge für unse­re Leser zu ver­öf­fent­li­chen!