Im Dezem­ber 2010 war Antje All­rog­gen mit ihrem Mann in Ham­burg zum Mit­tag­es­sen ver­ab­re­det. Er war dort in einer Ree­de­rei beschäf­tigt. Nach einem fes­ten Hän­de­druck fragte sie der Chef ihres Man­nes, ob sie sich vor­stel­len könne, mit ihrer Fami­lie für einige Zeit nach Mau­ri­tius zu gehen. Das Ham­bur­ger Unter­neh­men hatte dort gerade eine andere Ree­de­rei gekauft. Sie sagte spon­tan ja und ging mit ihrem Mann eine Scholle im Ham­bur­ger Hafen essen. Acht Monate danach fand sich die Fami­lie in einem Haus direkt am Strand von Grand Baie im Indi­schen Ozean wie­der. Das Büro ihres Man­nes befin­det sich nur fünf Minu­ten von ihrem neuen Zuhause ent­fernt. Ihre Kin­der gehen auf Mau­ri­tius in eine  inter­na­tio­nale fran­zö­si­sche Schule bzw. in einen französisch-englischsprachigen Kin­der­gar­ten. Sie sel­ber berich­tet für deut­sche Medien, vor allem für den Deutsch­land­funk über The­men, denen sie auf der ehe­ma­li­gen Ile de France begeg­net und blickt dabei von ihrem klei­nen Schreib­tisch aus direkt aufs Meer. In einem Live-Gespräch berich­tete sie etwa über das „Para­dies“ Mau­ri­tius und den Zyklon Gio­v­anna, der sie in einem Frank­fur­ter Flug­ha­fen­ho­tel nach einem ers­ten „Hei­mat­be­such“ im Februar unge­wollt fest­hielt. 12 span­nende Monate, aus denen inzwi­schen 24 wur­den, in denen die Insel für sie immer facet­ten­rei­cher und grö­ßer wird. Wir freuen uns sehr über das aus­führ­li­che Inter­view mit Frau All­rog­gen, in dem sie uns offen und und unter­halt­sam einen Ein­blick in ihr all­täg­li­ches Insel­l­e­ben gibt.

 

“Die Seele der Insel ver­ste­hen” — Inter­view mit Antje All­rog­gen, freie Journalistin

 

Frau All­rog­gen, ist Mau­ri­tius das Para­dies, wie Mark Twain es beschreibt und wie es uns auf Post­kar­ten und in Rei­se­ka­ta­lo­gen dar­ge­stellt wird?

Mau­ri­tius ist ein Mythos. Das ist ganz klar. Ein Schrift­stel­ler, der schon im Alter von 17 Jah­ren durch den Osten und Mitt­le­ren Wes­ten Ame­ri­kas reiste und von dort aus Arti­kel an die Zei­tung sei­nes Bru­ders ver­kaufte, kann sich auch nicht ganz irren, wenn er Mau­ri­tius als Para­dies beschreibt. Wohl des­halb erwar­tet auch heute noch jeder Tou­rist, dass er ein Stück die­ses Mark Twain­schen Para­die­ses ent­deckt, wenn er nach Mau­ri­tius reist. Und die Tou­ris­mus­bran­che arbei­tet ja auch hart daran, die­sen Mythos auf­recht zu erhal­ten. Als ich Freun­den und Kol­le­gen davon erzählte, dass mein Mann und ich mit unse­ren bei­den Kin­dern für eine Zeit auf der ehe­ma­li­gen Ile de France leben wür­den, bezo­gen sich fast alle Kom­men­tare, die wir hör­ten, auf diese para­die­si­sche Vor­stel­lung: „So viel Sonne! Und die Strände, der Him­mel, das Meer, die freund­li­chen Men­schen, das fried­li­che Neben­ein­an­der von Reli­gio­nen und Kul­tu­ren — was habt Ihr es gut!“

Inzwi­schen musste ich die Erfah­rung machen, dass das Para­dies haupt­säch­lich eine Pro­jek­ti­ons­flä­che für die Urlaubs­wün­sche vie­ler Euro­päer ist.  Eine Folie wie eine Pal­men­ta­pete im Wohn­zim­mer, hin­ter der sich auch sehr viel Armut, poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Insta­bi­li­tät ver­ber­gen. Trotz­dem habe auch ich die Suche nach dem Para­dies nicht auf­ge­ge­ben. Die Land­schaft ist ein­fach traum­haft, auch wenn der Tou­ris­mus dem Öko­sys­tem von Mau­ri­tius zu schaf­fen macht. Die meis­ten Men­schen, die hier leben, haben trotz Glo­ba­li­sie­rung und Mas­sen­tou­ris­mus nach wie vor einen offe­nen, freundlich-interessierten Blick, wie man ihm auf deut­schen Stra­ßen nicht mehr allzu häu­fig begeg­net. Him­mel und Meer tref­fen sich auf Mau­ri­tius, das hat die Men­ta­li­tät der Ein­hei­mi­schen sicher­lich geprägt. Viel­leicht spielt des­halb der Glau­ben eine große Rolle für viele. Das Leben auf die­ser Insel hat schon etwas Entrücktes.

Wie leicht oder schwer fiel Ihnen die Ent­schei­dung mit Kind und Kegel für einen län­ge­ren Zeit­raum nach Mau­ri­tius zu gehen?

Eigent­lich haben wir nicht sehr lange über­legt. Auch wir waren der locken­den Paradies-Vorstellung, die wohl jeder Euro­päer von Mau­ri­tius hat, sofort erle­gen. Wich­tig für uns war, dass es keine Malaria-Problematik gibt, ebenso keine gif­ti­gen Schlan­gen und dass die poli­ti­sche Situa­tion auf Mau­ri­tius – zumin­dest ver­gli­chen mit ande­ren afri­ka­ni­schen Län­dern– rela­tiv sta­bil ist. Hilf­reich war, dass es eine gute inter­na­tio­nale Schule auf Mau­ri­tius gibt – man hat sogar die Wahl zwi­schen einer eng­li­schen und einer  fran­zö­si­schen – und sogar meh­rere inter­na­tio­nale Kin­der­gär­ten. Unser Haus in Bonn haben wir für den Zeit­raum unse­res Aus­lands­auf­ent­halts ver­mie­tet. Inter­es­san­ter­weise fiel die Tren­nung von all unse­ren Möbeln und Din­gen nicht sehr schwer. Unsere ältere Toch­ter bestand ledig­lich dar­auf, dass ihr Kuschel­tier Emma – ein Pferd, das sicher­lich so groß wie ein Klein­kind ist — mit müsse. Wir haben nur vier Kis­ten Rich­tung Mau­ri­tius geschickt, ansons­ten hat­ten wir nur unsere Kof­fer dabei – und natür­lich Emma.

Es gilt viel zu Beden­ken, bevor man den Schritt geht – wie haben Sie sich vorbereitet?

Natür­lich waren einige Vor­be­rei­tun­gen zu tref­fen. Wir haben uns über das Ham­bur­ger Tro­pen­in­sti­tut dar­über infor­miert, wel­che Imp­fun­gen für Erwach­sene und Kin­der von­nö­ten sind. Außer­dem muss­ten unsere Töch­ter von der Schule bzw. der Tages­mut­ter in Deutsch­land beur­laubt wer­den. Ich musste die Redak­tio­nen, für die ich arbeite, recht­zei­tig über mein Vor­ha­ben infor­mie­ren. Alles andere haben wir eigent­lich auf uns zukom­men las­sen. Etwas Impro­vi­sa­tion und Ver­trauen war also schon dabei. Sicher­lich hätte man viel im Vor­feld lesen kön­nen – es gibt ja sehr viel Lite­ra­tur über Mög­lich­kei­ten eines orga­ni­sier­ten Aus­stei­gens aus dem deut­schen All­tag. Einen sehr gro­ßen zeit­li­chen Vor­lauf hat­ten wir aber auch gar nicht.

Immer wie­der wird in Foren und auch bei uns direkt ange­fragt, was man für Bestim­mun­gen und Geneh­mi­gun­gen beach­ten muss bzw. benö­tigt, wenn man län­gere Zeit auf Mau­ri­tius sein möchte – geben Sie doch bitte ein paar Ihrer Erfah­run­gen an unsere Leser weiter.

Wenn man län­ger als drei Monate im Land blei­ben möchte braucht man eine Auf­ent­halts– und eine Arbeits­ge­neh­mi­gung. Das ist schon ein kom­pli­zier­ter und ner­ven­auf­rei­ben­der Pro­zess. Zeug­nisse waren den hie­si­gen Behör­den vor­zu­le­gen, ebenso Geburts­ur­kun­den, unsere Hei­rats­kur­kunde, Arbeits­ver­träge und die Pässe. Nach­dem wir einige Wochen hier waren, folgte ein auf­wän­di­ger Gesund­heits­check in der Apollo Bramwell-Klinik in Moka. Sollte ich jemals in mei­nem Leben nicht wis­sen, woran ich erkrankt bin, ich werde mich in jenem Kran­ken­haus erkun­di­gen! Dort ist nun jede phy­si­sche Eigen­heit von mir akten­kun­dig und im Com­pu­ter erfasst. Nein, ernst­haft: Diese Sorge um den kran­ken Kör­per hat mich schon etwas ver­är­gert: Wo ver­läuft für diese Behör­den die Grenze zwi­schen einem „gesun­den“ und einem „kran­ken“ Resi­den­ten? Und wie „krank“ darf ein Anwär­ter auf eine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung sein, um eine Per­mit zu bekommen?

Dahin­ter steckt aller­dings wohl die Zusi­che­rung, als Resi­dent im Falle einer Krank­heit eine Grund­ver­sor­gung zu erhal­ten wie jeder andere Insu­la­ner auch.

Mit wel­chen Vor­stel­lun­gen kon­kret sind Sie dann auf Mau­ri­tius gelandet?

Na, wir woll­ten das Para­dies end­lich ein­mal ken­nen ler­nen! Ich sah mich von Deutsch­land aus betrach­tet in einer Hän­ge­matte lie­gen, deren Enden an zwei Pal­men befes­tigt waren, ein gut aus­se­hen­der Inder würde mir mit einem Fächer fri­schen Wind zuwe­deln. Zu die­ser Art der Ent­span­nung ist es bis­her nicht gekom­men, wobei es hier tat­säch­lich herr­li­che Orte gibt, an denen man wun­der­bar abschal­ten kann. Ich habe vor allem Ruhe gesucht vor dem hek­ti­schen All­tag in Deutsch­land und war gespannt, ob die andere Land­schaft einen gro­ßen Ein­fluss auf unser Wohl­be­fin­den haben würde oder nicht. Man muss schon offen sein für die Spra­che, die das Meer auf Mau­ri­tius spricht. Das ist gar nicht so ein­fach, wenn man aus dem durch­ge­tak­te­ten Leben in Deutsch­land kommt. Wir haben gehofft, dass mein Mann nicht mehr so viel arbei­ten muss wie in Deutsch­land und dass unsere bei­den Töch­ter hier mehr in und mit der Natur leben. Ganz so „roman­tisch“ ist der All­tag für sie aller­dings nicht: Obwohl wir fuß­läu­fig vom Strand ent­fernt woh­nen, kann man Kin­der aus Sicher­heits­grün­den nicht unbe­auf­sich­tigt alleine am Meer spie­len las­sen. So „unbe­rührt“ para­die­sisch ist das Leben im Freien auf Mau­ri­tius also auch nicht mehr!

Letzt­end­lich habe ich mir von unse­rer Aus­zeit so etwas wie eine kleine Robin­so­nade erhofft. Dass auf diese para­die­si­schen Vor­stel­lun­gen mit­un­ter herbe Ent­täu­schun­gen fol­gen kön­nen, liegt auf der Hand. Bücher über diese Mög­lich­kei­ten des Aus­stiegs sind ja der­zeit ziem­lich en vogue, wie zum Bei­spiel Chris­tian Krachts „Impe­rium“ oder auch Marc Buhls Buch über das „Para­dies des August Engel­hardt“, das auf ein­drück­li­che Weise zeigt, dass die Sehn­sucht der Euro­päer nach einem sor­gen­freien Leben in den Tro­pen auch immer leicht chau­vi­nis­ti­sche Züge hat.

Und wie sieht die Rea­li­tät aus?

Das frage ich mich jeden Tag, den ich auf Mau­ri­tius ver­bringe. Die Insel ist so facet­ten­reich, die Kul­tu­ren so unter­schied­lich, dass es für einen Gast, wie ich einer bin, sehr schwer ist, die Iden­ti­tät von Mau­ri­tius zu erspü­ren. Wich­tig für mein Leben auf Mau­ri­tius ist mir, wenigs­tens den Ver­such zu unter­neh­men, die Seele der Insel etwas bes­ser zu ver­ste­hen. Viele Expats blei­ben, wie an ande­ren Orten der Welt auch, immer nur in ihren Com­mu­nities. Das ist sicher­lich bequem, auf Dauer aber – wie ich finde — unbe­frie­di­gend. Die ande­ren Wirk­lich­kei­ten der Insel wer­den ein­fach aus­ge­blen­det – wie schade! Lei­der bin ich auch schon Resi­den­ten, Tou­ris­ten oder Ein­hei­mi­schen begeg­net, die ein Leben im Para­dies mit dem his­to­risch doch eigent­lich über­hol­ten Ver­such ver­wech­seln, hier wei­ter­hin ein Leben im Kolo­ni­al­stil zu füh­ren. Es gibt auf Mau­ri­tius durch­aus ein Den­ken in Hier­ar­chien, in Haut­far­ben! Und ein gro­ßes sozia­les Gefälle: Wäh­rend eine ange­stellte Kin­der­gärt­ne­rin etwa 4000 Rupien (das sind etwas mehr als 100 Euro) ver­dient, las­sen sich andere Fami­lien ihr Brot aus Frank­reich ein­flie­gen. Die Lebens­for­men auf Mau­ri­tius sind sehr viel­fäl­tig und komplex.

Für uns ist das Leben hier schon ent­spann­ter. Neben dem Beruf bleibt mehr Zeit für die Fami­lie übrig, was uns allen gut tut. Die Kin­der kön­nen, wann immer sie wol­len, an den Strand lau­fen, der von unse­rem Haus nur einige Meter ent­fernt liegt. Dafür ent­beh­ren sie andere Dinge: Man kann sich nicht mit dem Fahr­rad allein bewe­gen – der Ver­kehr ist ein­fach zu unkon­trol­liert. Im Moment pas­sie­ren sehr viele schlimme Unfälle auf der Insel. Auch mir fehlt das Fahr­rad­fah­ren. Selbst den kleins­ten Weg muss man auf Mau­ri­tius mit dem Auto zurück­le­gen. Dafür ist es für die Resi­den­ten sehr wich­tig, sich im Gym fit zu hal­ten. Die Kör­per­kul­tur ist sehr stark aus­ge­prägt. Ich glaube, einige Expats machen den gan­zen Tag nichts ande­res als das! Und weil Mau­ri­tius so nahe am Äqua­tor liegt, sind die Tage unglaub­lich kurz. Das ver­mit­telt den Ein­druck, dass die Zeit nur so fliegt. Schade also, dass man hier nicht wirk­lich in einem Zeit-Vakuum lebt…

Wo den­ken Sie lie­gen die größ­ten Unter­schiede, wenn man Mau­ri­tius als Urlau­ber oder wie Sie als Resi­dent auf Zeit erlebt?

Als Tou­rist erlebt man auf Mau­ri­tius einen insze­nier­ten Traum vom Para­dies. Eine künst­li­che Welt befrie­digt den Wunsch nach Ent­span­nung, Erho­lung. Ich finde das in Ord­nung, so lange dafür Men­schen und Umwelt von Mau­ri­tius nicht Scha­den nehmen.

Es soll aller­dings schon Hotels auf der Insel geben, die Über­wa­chungs­ka­me­ras instal­liert haben, um Diebe fern­zu­hal­ten. Erst gerade habe ich in der Zei­tung gele­sen, dass die Regie­rung ganz kon­kret plant, die Sicher­heits­maß­nah­men in den Hotels zu ver­bes­sern. Über­fälle sind immer häu­fi­ger ein Thema. Es wur­den auch schon Lagu­nen platt gemacht, um fri­schen Sand für künst­li­che Strände aufzuhäufen.

Als Resi­dent ist es übri­gens gar nicht so ein­fach, am Leben der Tou­ris­ten Anteil zu neh­men. Wenn ich mich manch­mal mit Freun­den zum Brun­chen oder Abend­es­sen in einem Hotel ver­ab­rede, blei­ben die Türen ohne unsere Vor­an­mel­dung geschlos­sen. Erst neu­lich wollte ich mit mei­ner Toch­ter ein­fach mal in einem bekann­ten Luxus­ho­tel in Grand Gaube, im Nor­den der Insel, früh­stü­cken. Wir fühl­ten uns wie Bitt­stel­ler.  Die Türen blie­ben für uns ver­rie­gelt, weil wir nicht ange­mel­det waren. Ich erlebe die Hotel­wel­ten auf Mau­ri­tius immer mehr als Hidea­ways, die dem Urlau­ber zwar das Para­dies auf Erden bie­ten (wol­len), dabei aber zu her­me­tisch geschlos­se­nen Inseln auf der Insel wer­den. Es gibt dadurch nur eine kleine Schnitt­menge zwi­schen den Tou­ris­ten und den Resi­den­ten bzw. Einheimischen.

Beschrei­ben Sie uns den Tages­ab­lauf Ihrer Fami­lie auf Mauritius?

Die Tage auf der Insel begin­nen früh und enden früh. Wir leben nahe am Äqua­tor! Wenn nicht gerade „Win­ter“ auf Mau­ri­tius ist, wer­den wir mit Son­nen­strah­len geweckt, die jeg­li­che Müdig­keit sofort ver­trei­ben. Durch die­sen abrup­ten Licht­ein­fall beginnt der Tag unver­mit­telt und über­gangs­los: Der Wecker klin­gelt um sechs Uhr, alle ste­hen zügig auf. Ein Früh­stück mit den Kin­dern auf der offe­nen Veranda, der täg­li­che Blick auf Him­mel und Meer: Sind die Wel­len bewegt, was machen die Ang­ler, wie sehen die Wol­ken aus. Unsere ältere Toch­ter wird um sie­ben Uhr fünf­zehn vom Schul­bus­fah­rer abge­holt, um vier­tel nach drei wird sie dann wie­der zuhause abge­lie­fert. Ent­ge­gen aller Kli­schees ist der Bus­fah­rer immer pünkt­lich. Für unsere Toch­ter ist er der beste Chauf­feur der Insel. Danach bringt mein Mann unsere jün­gere Toch­ter in den Kin­der­gar­ten und fährt ins Büro. Dann setze ich mich an mei­nen Schreib­tisch, fahre mit mei­nem klei­nen Nis­san March für Inter­views über die Insel oder treffe mich ein­fach mit Freun­din­nen zum Früh­stück oder Mit­tag­es­sen. Der späte Nach­mit­tag gehört dann der Fami­lie: Die Kin­der tref­fen Freunde zum Spie­len, bas­teln, gehen an den Strand, Haus­auf­ga­ben müs­sen gemacht wer­den. Am Wochen­ende tref­fen wir uns mit Freun­den am Strand, oder mein Mann geht mit den Kin­dern angeln, oder wir pad­deln mit unse­rem klei­nen roten Kajak durch die Wellen.

Wie war die Umstel­lung ins­be­son­dere für Ihre bei­den Kinder?

Unsere Kin­der waren eigent­lich sofort auf Mau­ri­tius ange­kom­men, ohne irgend­wel­che Umwege machen zu müs­sen. Sie haben ihre weni­gen Spiel­sa­chen, die wir mit­ge­nom­men haben, in ihr Kin­der­zim­mer ein­ge­räumt, haben die Umge­bung rund um unser Haus erkun­det, Geheim­ver­ste­cke ent­deckt, sind zur Schule bzw. in den Kin­der­gar­ten gegan­gen und fühl­ten sich wohl. Der lange Schul­tag und die fremde Spra­che waren anfangs sicher­lich anstren­gend. Inzwi­schen kön­nen sich beide gut auf Fran­zö­sisch ver­stän­di­gen und haben neue Freund­schaf­ten geschlos­sen. Unsere Klei­nere liebt die fran­zö­si­schen Kin­der­lie­der, und unsere ältere sagt uns häu­fig, dass man mit den Kin­dern hier bes­ser spie­len könne als mit denen in Deutsch­land. Sie wür­den ein­fach weni­ger „rum­zi­cken“. An der Schule wird Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät und der selbst­ver­ständ­li­che Umgang mit dem Frem­dem Tag für Tag auf ganz beein­dru­ckende Weise gelebt. Toll ist, dass es eine Uni­formpf­licht gibt. Alle sehen gleich aus, es gibt keine modi­schen Zwänge, keine Dis­kus­sio­nen dar­über, was anzu­zie­hen ist.

Wel­che Plätze und Orte auf der Insel haben es Ihnen beson­ders angetan?

Je län­ger wir auf Mau­ri­tius sind, desto grö­ßer wird die Insel für uns! Im Nor­den, wo wir woh­nen, schätze ich die „klei­nen Fluch­ten“: ein Abend­es­sen im Schloss Labour­don­nais, eine aus­gie­bige Mas­sage in einem atem­be­rau­ben­den Spa in Fond du Sac, einen Strand­spa­zier­gang von uns zu einem nahe­ge­le­ge­nen Hotel (dort lässt man uns hin­ein!), im Süden ein Wochen­ende im wirk­lich para­die­si­schen Hotel Lakaz Cha­ma­rel, ein Strand­tag in Blue Bay. Ange­tan bin ich aber immer auch noch vom Blick aus unse­rem Fens­ter auf das Meer und die Insel Coin du Mire. Eine Land­schaft, wie gemalt.

Ich bin ein gro­ßer Fan Ihrer Arti­kel. Wie ent­wi­ckeln Sie die Ideen für Ihre Bei­träge und Geschichten?

Über­all, auf dem Schreib­tisch, in Notiz­bü­chern oder im Auto lie­gen beschrie­bene Zet­tel­chen mit Ideen oder Ein­fäl­len herum, von denen ich einige wei­ter ent­wi­ckele, andere wie­der ver­werfe. Meine Rei­se­ge­schich­ten ent­ste­hen nicht am Schreib­tisch, son­dern durch die Begeg­nung mit Men­schen in Land­schaf­ten. Wenn mich eine Stim­mung dann beson­ders „packt“, kann dar­aus eine Geschichte werden.

Haben Sie eine aktu­elle Anek­dote für uns?

Im Moment wer­den wir sehr mit dem stän­di­gen Kom­men und Gehen der Men­schen hier kon­fron­tiert. Jeder, der län­ger auf Mau­ri­tius lebt, macht diese etwas schmerz­hafte Erfah­rung: Kaum hat man jeman­den ken­nen gelernt und sich mit ihm ange­freun­det, ver­lässt er die Insel wie­der – sei es aus beruf­li­chen oder pri­va­ten Grün­den. Jüngs­tes Bei­spiel ist bei uns eine mauritisch-schweizerische Fami­lie, die wir sehr schät­zen gelernt haben, nicht nur wegen ihres unglaub­lich lecke­ren Apfel­stru­dels, den sie backen kann! Wenn wir uns doch nur frü­her auf der Insel begeg­net wären… Jetzt sind sie in die Schweiz zurück­ge­kehrt. Ein­zi­ger Wehr­muts­trop­fen: Wir mie­ten ihr möblier­tes Haus und erben auch noch ein Tram­po­lin und die drei Wasserschildkröten!

Ist viel­leicht sogar ein Buch über Ihre Zeit auf Mau­ri­tius geplant?

Stoff dafür wäre sicher­lich vor­han­den! Aller­dings bin ich durch meine jour­na­lis­ti­schen Pro­jekte voll aus­ge­las­tet. Die übrige Zeit ver­bringe ich mit mei­ner Fami­lie – ganz zweckfrei.

Zum Abschluss unse­rer Inter­views stel­len wir immer eine Stan­dard­frage: Was wün­schen Sie Mau­ri­tius für die nächste Zeit?

Ich hoffe, dass das Ziel, das sich die Tou­ris­mus­be­hörde von Mau­ri­tius Anfang die­ses Jah­res gesetzt hat, zwei Mil­lio­nen Tou­ris­ten zu beher­ber­gen, nicht erreicht wird. (Im Moment sieht es danach aus. Auch Mau­ri­tius lei­det der­zeit unter der Euro-Schwäche.) Ich glaube auch, dass es falsch ist, nur auf den Tou­ris­mus als wich­tigste Ein­nah­me­quelle zu set­zen. Der Zucker der Insel ist nicht mehr sehr gefragt, ebenso wenig die Tex­ti­lien, die hier gefer­tigt wer­den. Ein grü­ner Tou­ris­mus wäre von­nö­ten. Das Schlag­wort hört man öfter, aller­dings dient es allzu oft ledig­lich als Fei­gen­blatt für die rein wirt­schaft­lich getrie­be­nen Inter­es­sen von Hotel– und Tou­ris­mus­ma­na­gern. Ich wün­sche Mau­ri­tius kei­nen Mas­sen­tou­ris­mus. Das würde die Insel auf Dauer sehr belasten.

Wenn Lagu­nen zer­stört wer­den, nur um Tou­ris­ten im Glau­ben zu las­sen, Mau­ri­tius bestünde ein­zig und allein aus einer unbe­rühr­ten Strand-Kulisse, gerät das Öko­sys­tem lang­sam, aber sicher aus den Fugen. Auch die Kluft zwi­schen Ein­hei­mi­schen und Tou­ris­ten wird dann immer grö­ßer. Nur gut, dass es auf Mau­ri­tius einige „Kämp­fer­na­tu­ren“ gibt, die ihre Insel lie­ben und um jeden Preis ver­su­chen wer­den, dass aus der ehe­ma­li­gen Ile de France keine zweite Domi­ni­ka­ni­sche Repu­blik als Desti­na­tion der fern­rei­sen­den Ballermann-Touristen wird.

Vie­len Dank für das Gespräch!

 

Wir freuen uns sehr, dass uns Frau All­rog­gen und der Deutsch­land­funk erlau­ben, ihre Bei­träge über die Zeit auf Mau­ri­tius voll­stän­dig zu ver­öf­fent­li­chen. Freuen Sie sich also auf unter­halt­same und infor­ma­tive Bei­träge über den All­tag auf der Insel und Wis­sens­wer­tes über Mau­ri­tius, dass wir in loser Folge in der nächs­ten Zeit prä­sen­tie­ren können.